Erfahrungsbericht – Sprachunterricht mit afghanischen Geflüchteten

19 Apr

Hier mal ein paar Zeilen als Erfahrungsbericht… Vielen Dank an den Verfasser!

Seit einiger Zeit geben wir dreimal in der Woche einer Gruppe Afghanen Deutschunterricht. Man beginnt, sich kennenzulernen, über den Alltag zu sprechen, über Freizeitbeschäftigungen u. ä.
Gestern nun konnten wir uns dank eines Dolmetschers das erste Mal über Themen unterhalten, über die zu sprechen wegen der noch mangelnden Sprachfähigkeiten bisher nicht möglich war. Was sie erzählt haben, hat uns nachhaltig bewegt:
Da ist Adrian, der zum Schreiben immer eine filigrane Brille trägt und gestochen scharf schreibt: Er hat Lackierer gelernt und ist acht Jahre zur Schule gegangen. Da ist Ben, ein Schuhmacher, der Architekt werden will. Und dann ist da Jannik, nennen wir ihn so. Er ist ein Jahr zur Schule gegangen, in die dritte Klasse. Er malt die fremden Buchstaben mühsam aufs Papier und gibt sich wahnsinnig viel Mühe dabei. Er habe, so lange er sich erinnert, nur gearbeitet, seit 12 Jahren, auf dem Bau, erzählt er; er ist 20 Jahre alt. Er ist so alt, wie unsere Söhne nun fast sind. Meine Kinder gehen seit 9 bzw. 11 Jahren in die Schule. Gearbeitet haben sie, außer mal in den Ferien, noch nie. Und – sollte es nicht so sein? Jannik hat also seit seinem 8. Lebensjahr Erfahrungen auf dem Bau sammeln können. Deswegen kann er sich auch, gefragt nach seinen Zukunftsvorstellungen, gar nichts anderes vorstellen als auf dem Bau zu arbeiten. Alle können sich nichts anderes vorstellen als zu arbeiten: Tischler, Schuhmacher, Lackierer, Automechaniker. Sie wachsen uns langsam ans Herz. Aber sie sind aus Afghanistan. Und seit einiger Zeit haben wir Angst, dass sie weg sind, wenn wir zum Unterricht kommen – „unsere“ Afghanen. Weggeschickt aus einem Land, das sie vielleicht brauchen könnte. In ein Land, das wir uns nicht vorstellen können. In ein Leben, das uns so fremd ist wie das eines Bewohners einer fremden Galaxie. In ein Land, in dem ein achtjähriges Kind schon arbeiten muss. In ein Land, in dem seit Jahrzehnten Krieg und Terror herrschen. Wollen wir das? Dürfen wir das?

Stichwort: HBar